Beobachten statt Interpretieren
"Mein Hund hat mich einfach so angeknurrt" oder "Mein Hund hat plötzlich geschnappt ohne jegliche Vorwarnung".
Aber ist das wirklich so?
Oftmals gibt es in der Mensch-Hund-Kommunikation Missverständnisse, da wir Menschen manche Beschwichtigungssignale unserer Hunde nicht erkennen oder sogar bestrafen (z.B. Schnüffeln am Seitenrand wenn ein anderer Hund entegegenkommt - der Hund wird genervt weitergezerrt, obwohl dies hier eine deeskalierende Geste gegenüber eines anderen Hundes ist).
Um Missverständnisse in der Kommunikation vorzubeugen, sollten wir uns deshalb ausführlicher mit der Kommunikation und der Körpersprache unserer Hunde beschäftigen.
Es ist wichtig, dass wir deeskalierende Signale nicht mehr übersehen oder fehlinterpretieren.
Um ein besseres Gefühl für die feine Körpersprache unserer Hunde zu bekommen, nehmt doch gerne mal Videos eures Hundes in verschiedenen Situationen auf. Nun schreibt eure Beobachtungen auf, ohne das Verhalten sofort zu interpretieren.
Achtet dabei mal auf folgende Dinge, wie und wann genau sie sich verändern:
Ohren – Sind sie aufgestellt, angelegt, seitlich gedreht, nach vorne oder hinten gerichtet
Nach vorne gerichtete Ohren: Drohverhalten oder Ausrichtung auf wahrgenommenen Reiz. Nach hinten gerichtete Ohren: Ausdruck für Angst / Unsicherheit oder Ausrichtung auf wahrgenommenen Reiz.
Bei Schlappohren auf Bewegungen an der Ohrmuschel achten (bei größeren Schlappohren evtl. keine Bewegung mehr erkennbar).
Schnauze – Lippenbewegung, ist die Schnauze geöffnet / geschlossen, Lefzenbewegung
Entspannte Lippen: Neutral
Lang zurückgezogene Mundwinkel und Zähne vorwiegend bedeckt: Demutsverhalten
Hochgezogene Lefzen und kurze runde Mundwinkel: offensives Drohverhalten (Angriff)
Lange Mundwinkel und viele Zähne sichtbar: defensives Drohverhalten (Abwehr / Flucht)
Viele Molosserrassen haben große Lefzen, was zu einer reduzierten Beweglichkeit führt. Auch langes Fell und starke Hautfalten beeinträchtigen die Kommunikation.
Nasenrücken – Gerunzelt, nicht gerunzelt
Gerunzelter Nasenrücken: Drohend
Nicht gerunzelter Nasenrücken: Neutral
Brachycephale Rassen (Kurzköpfigkeit) haben meist einen immer gerunzelten Nasenrücken. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass dies von anderen Hunden fehlinterpretiert wird.
Blickrichtung der Augen – Schaut der Hund zum Reiz hin oder weg, ist der Blick starr
Wegschauen: submissives (unterwürfiges) Signal - beschwichtigend / deeskalierend
Kurzer Blickkontakt: freundliche Geste
Fixierender Blick auf das Gegenüber: Drohend
Hängende Augenlieder (z.B. Bloodhound) und langes Fell vor den Augen reduzieren den Augenausdruck.
Kopfhaut – Ist sie glattgezogen oder gerunzelt
Glattgezogen: Welpenhaft - nicht bedrohlich
Gerunzelt: Drohend
Manche Hunde haben dauerhafte Falten im Kopfbereich, andere langes Fell welches die Kopfhaut verdeckt.
Körperhaltung- und Körperspannung – Sind Körperbewegungen weich oder angespannt, ist der Körper nach vorne oder hinten gerichtet, macht der Hund sich groß oder klein.
Weiche Bewegungen: Zeigen entspannte Stimmung
Angespannte Bewegungen: Zeigen Anspannung
Nach vorne gerichteter Körper: Zum Reiz hin - offensiv
Nach hinten gerichteter Körper: Vom Reiz weg - defensiv
Rute – Ist die Rute über der Rückenlinie oder unterhalb, ist die Frequenz (Geschwindigkeit des Wedelns) der Rute hoch oder niedrig, ist die Amplitude (Schwingung von rechts nach links) klein oder groß, sind es weiche oder steife Bewegungen.
Eingezogene Rute: Angst/ Unsicherheit, möchte nicht beschnüffelt werden
Erhobene Rute: Imponierverhalten oder freundliche Stimmung
Hohe Frequenz: Anspannung oder aber auch Freude
Niedrige / keine Amplitude: Anspannung
Manche Hunde tragen die Rute grundsätzlich über dem Rücken, andere darunter.
Grundsätzlich gilt:
- Die Körpersprache eines ängstlichen Hundes ist eher nach hinten und Richtung Boden gerichtet.
- Die Körpersprache eines aggressiven Hundes ist eher nach vorne gerichtet.
Aber Achtung: Es muss immer der Gesamtausdruck betrachtet werden!
Wenn ein Hund mit der Rute wedelt, kann dies auf Freude hinweisen, aber auch auf Unsicherheit. Hier sind weitere Signale im Gesicht und anhand der Bewegungen etc. notwendig.
Und nur weil ein Hund sich über die Schnauze leckt, heißt das nicht immer, dass er beschwichtigt. Vielleicht hat er gerade gegessen und leckt sich die Schnauze sauber.
Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Beobachten eurer Hunde :)
Konfliktverhalten
In Konfliktsituationen hat ein Hund unter anderem 4 Möglichkeiten der Situation zu begegnen - die 4 F's:
- Flight – Der Hund flieht und erhöht die Distanz zur Bedrohung
Der Hund kann die Strategie des Flüchtens nutzen um einem Konflikt aus dem Weg zu gehen oder zu beenden. Er baut also Distanz auf und wendet sich von der Bedrohung ab.
- Flirt/ Fiddle about – Der Hund versucht mit Beschwichtigungssignalen eine Bedrohung freundlich zu lösen oder durch Übersprungshandlungen für ihn stressige und schwierige Situationen zu überspielen.
Der Hund zeigt das Verhalten zur Deeskalation und um Anspannung abzubauen.
- Freeze – Der Hund erstarrt.
Der Hund friert ein und die Körperhaltung ist steif.
Aus einem Freeze kann der Hund jederzeit in eine andere Reaktion der 4 F's übergehen.
- Fight – Die Bedrohung soll durch „Kämpfen“ (Drohverhalten / Angriff) beseitigt werden.
An der Leine z.B. hat ein Hund eine eingeschränkte Bewegungsmöglichkeit. Gehen wir mit unserem angeleinten Hund frontal auf einen anderen zu, hat unser Hund keine Möglichkeit so auszuweichen, wie er es zur Wahrung seiner Individualdistanz benötigt. Es kann passieren, dass er dann eine andere Strategie, das "Kämpfen", wählt. Umso häufiger der Hund mit dieser Strategie Erfolg hat, umso öfter wird er sie anwenden.
Konfliktverhalten kann in verschiedene Eskalationsstufen eingeteilt werden.
- Keine Konfliktanzeichen:
Körperhaltung: Locker und entspannt
Gesicht: Entspannt und neutral - Leichte Konfliktsignale:
Über die Lippen lecken (licking Intention)
Blick abwenden
Mit den Augen blinzeln
Am Boden schnüffeln - Flight – Starke Beschwichtigungssignale:
Kopf abwenden
Wegdrehen
Im Bogen gehen
Weggehen - Flirt/Fiddle About – Ersatzhandlungen:
Vorderkörpertiefstellung
Gähnen
Kratzen
In die Leine beißen
Urinieren - Freeze – Starke Konfliktanzeichen:
Erstarren / Einfrieren
Aufgestelltes Rückenfell
Bellen - Drohsignale auf Disztanz (ohne Körperkontakt):
Fixieren
Hochgezogene Lefzen
Zähne fletschen
Knurren - Drohsignale mit geringer Distanz (mit Körperkontakt):
Anrempeln
Abwehrschnappen in die Luft - Fight – Kampf:
Schnappen
Beißen
Zupacken
Habt ihr euren Hund, wie in der Übung oben, einmal genauer Beobachtet, könnt ihr diese Beobachtungen den verschiedenen Stufen der Eskalationsleiter zuordnen.
Vielleicht entdeckt ihr, dass euer Hund eine tolle Strategie in Konfliktsituationen anwendet, die ihr vorher nie wahrgenommen habt oder fehlinterpretiert habt.
Es gibt natürlich viele verschiedene Verhaltensweisen von Hunden. Diese 4 Möglichkeiten und wo sie auf der Eskalationsleiter zuzuordnen sind können euch aber helfen herauszufinden, welches Verhalten von eurem Hund toll ist und mehr Beachtung geschenkt werden sollte.